MIFID2: Ein Bericht aus der Praxis

Veröffentlicht am 31. Oct. 2018 | Lesedauer ca. 5 min

„MiFID2 und der Bürokratie-Wahnsinn“, „Mehr Bürokratie, aber die gleichen schlechten Produkte“, „MiFID2 verwirrt“ – so lauten nur einige Schlagzeilen. Sie zeigen, dass die neue Richtlinie, die seit dem 02.01.2018 in Kraft ist, nicht gerade auf Begeisterung oder Akzeptanz innerhalb der Finanzbranche und Fachpresse stößt.

Markets in Financial Instruments Directive (MiFID)

Der Regulierungstrend hält an. MiFID1 – MiFID steht übrigens für „Markets in Financial Instruments Directive“ – war der erste Versuch, innerhalb der Europäischen Union eine gemeinsame und harmonisierte Regulierung der Finanzmärkte und der Anlageberatung umzusetzen. Die sehr umstrittene MiFID2-Richtlinie hat die erste ergänzt und eigentlich „abgelöst“. Eine MiFID3 könnte folgen. Branchenteilnehmer hoffen, dass Probleme, unnötige bürokratische Hürden oder gar „Fehler“ der Vorgängerrichtlinie gelöst beziehungsweise aufgehoben werden.

Zugegeben: Der Gesetzgeber hat sich deshalb eingeschaltet, weil die Finanzbranche viel zu lange zu wenig beziehungsweise gar nicht reguliert war. Themen wie Qualifizierung der Anlageberater, Transparenz der Produkte oder die Betrachtung der Risikoneigung des Kunden sind zu passiv angegangen worden. Es gab aber sehr wohl auch Unternehmen, die sich selbst „reguliert“ haben, die eigene Beratungsstandards und interne Schulungsmaßnahmen umgesetzt und sich für eine qualitative und nachhaltige Beratung eingesetzt haben. Also könnte man meinen, die Gesetzgebung leiste diesen guten Vorbildern und Vorsätzen Folge. Doch so einfach ist es nicht. So gut das Gesetz auch gemeint ist, klaffen Praxis und Theorie oft noch auseinander. Aus guten Absichten kann, im schlimmsten Fall, ein „Bürokratie-Wahnsinn“ werden. Gibt es durch MiFID2 also überhaupt keine Vorteile für Kunden und Verbraucher? Das wäre wiederum zu kurz gegriffen. Anhand von drei Beispielen soll die aktuelle Lage differenzierter betrachtet werden.

Zielmarktdefinitionen

Die Bezeichnung „Zielmarktdefinitionen“ mag zunächst etwas exotisch klingen. Hierbei geht es um die Frage, wie sich eine Produktgesellschaft oder eine Bank über Ziele, Neigungen und Präferenzen der Kunden Gedanken macht. Aus Kundensicht betrachtet, beantworten die Zielmarktdefinitionen die Antwort auf die Frage „Ist ein Produkt für mich geeignet?“ Ob das der Fall ist, wird im Beratungsgespräch zwischen Kunde und Berater ermittelt: Wie hoch ist die Risikoneigung des Kunden? Verfolgt er eher kurz-, mittel- oder langfristige Ziele? Diese stehen nämlich in einem engen Verhältnis mit der Risikoneigung des Kunden. Doch das Wort „Risiko“ klingt, nicht nur für Kunden, abschreckend. Dabei muss aber immer genau definiert werden, um welches Risiko es sich genau handelt. Bei den meisten Finanzinstrumenten, zum Beispiel Aktienfonds, die in der Regel gut diversifiziert in verschiedene Unternehmen anlegen, ist beispielsweise ein Schwankungsrisiko vorhanden, jedoch kein Risiko, dass das investierte Kapital vollständig verloren geht.

Zwischenfazit Zielmarktdefinitionen: „Zielmarktdefinitionen“ bedeuten für Kunden und Berater, dass sie sich noch intensiver über mögliche Finanzlösungen in Übereinstimmung mit dem jeweiligen Risikoprofil und den individuellen Lebensumständen des Anlegers austauschen müssen. Das gehört eigentlich (oder sollte so sein) zu einer guten und qualitativen Beratung und sollte bereits vor der Einführung von MiFID2 praktiziert worden sein.

Zuwendungen

Noch ein gewöhnungsbedürftiges Wort, dabei handelt es sich um Zahlungen, die zum Beispiel eine Bank von einem Produktgeber bekommt. Das klingt zunächst im wahrsten Sinne des Wortes „ungebührlich“. Betrachten wir die Situation aus einer anderen Perspektive. Wie alle Dienstleistungen sind Finanzprodukte nicht kostenfrei und auch der Finanzberater muss über ein Einkommen verfügen. Diese Tatsache würde bei anderen Dienstleistungen oder Produkten (fast) niemand infrage stellen, sei es die monatliche Telefonrechnung, der Dachdecker, der ein undichtes Dach ausbessert, oder der Preis für ein leckeres Essen im Restaurant. Finanzprodukte sind dagegen immaterielle Güter. Man kann sie nicht „aktiv“ verwenden (wie beispielsweise ein Telefon), nicht immer unmittelbar als Lösung eines Problems wahrnehmen, wie man etwa bei einem Dachdecker schon an den ersten regnerischen Tagen feststellen kann, ob er gut gearbeitet hat, und schon gar nicht essen. Das führt dazu, dass Kunden und Verbraucher Produktkosten und Provisionen oft als ungerecht, zu hoch oder als nicht transparent genug erachten. MiFID2 hat auch hierauf Einfluss genommen. Zuwendungen sind auch weiterhin erlaubt, jedoch nur unter der Voraussetzung „dass sie darauf ausgelegt [sind], die Qualität der für den Kunden erbrachten Dienstleistung zu verbessern.“ ( § 70 Abs. 1 WpHG)

Hier stellt sich die Frage, um welche Qualitätsverbesserung es sich konkret handelt. Die Produktpalette von Banken wurde zum einen auf Fremdprodukte ausgedehnt, um Interessenskonflikte zu vermeiden. Oder auch wie im Gesetz formuliert eine “Prüfung des Kundenportfolios auf Eignung zur Erreichung der Anlageziele (mindestens einmal jährlich)
oder [das] Erbringen weiterer für den Kunden w ertvollerDienstleistungen” oder [die ] “Ermöglichung des Zugangs zu einer anbieter-unabhängigen Produktpalette und gleichzeitig Bereitstellung weitergehender Informationen mit Mehrwert für den Kunden oder Analyse-Tools zu einem wettbewerbsfähigen Preis.” (DELEGIERTE RICHTLINIE (EU) 2017/593, 22) Berater tragen also zum einen Sorge dafür, dass die gemeinsam mit dem Kunden erarbeitete Finanzlösung regelmäßig dahingehend überprüft wird, ob sie sich noch im Einklang mit den ursprünglichen Zielen befindet. Zum anderen soll das Informationsbedürfnis der Kunden in einer immer komplexeren Welt durch die Bereitstellung von Informationen und hochwertigen Analysen bedient werden.

Zwischenfazit Zuwendungen oder: Was nichts kostet, hat auch keinen Wert? Mit MiFID 2 wurden erstmals Richtlinien für die oft kritisierten Provisionen und ihre Verwendung festgelegt, die dem Kunden zum Vorteil gereichen sollen. Hier fehlt noch der Schulterschluss zwischen Theorie und Praxis, damit die Vorteile von Kunden noch deutlicher wahrgenommen werden können. Bei aller Kritik muss man jedoch auch beachten, dass die Richtlinie erst seit Anfang des Jahres in Kraft getreten ist. Für einen guten Berater, der den Wert des eigenen Schaffens gut beurteilen kann, ist eine Offenlegung der Kosten und der Provisionen selbstverständlich, geht es doch um nichts weniger als um das Vertrauensverhältnis zwischen ihm und seinen Kunden. Für eine gute Bank wiederum sind Investitionen in innovative, nutzerfreundliche Tools, Instrumente und Produkte elementar.

Digitalisierung als Chance und Treiber für Innovation

In der Berichterstattung kommt im Zusammenhang mit MiFID und MiFID2 oft die Rede auf den etwas salopp formulierten „Papierkram“, den diese Reglungen mit sich gebracht hätten. Diese Betrachtung greift jedoch zu kurz. MiFID2 kann durchaus als Chance genutzt werden, um im Interesse des Kunden Vorgänge bequemer und schneller elektronisch zu erledigen. Hier geht es nicht darum, zu bewerten, ob „elektronisch“ pauschal immer besser als „papierhaft“ ist. Es geht darum, wie eine Bank neue Gesetzesvorgaben umsetzt, um Vorgänge zu vereinfachen, kostengünstiger und auch ökologischer zu gestalten.

Zwischenfazit MiFID2 & Digitalisierung: Erhöhte Komplexität kann durch erhöhten technologischen Einsatz bewältigt werden. Das war zwar kein erklärtes Ziel von MiFID2, ist aber in der Unternehmenspraxis Ansporn und Chance zugleich, Prozesse noch digitaler zu gestalten.

MiFID2 – eine umfassende und weitreichende Richtlinie, die auch noch zehn Monate nach ihrer Einführung die Gemüter bewegt. Transparente und qualitativ hochwertige Beratung müssen auch weiterhin in der Praxis gelebt werden. Im Kern stand und steht noch immer das Vertrauensverhältnis zwischen Finanzberater und Kunde. Das hat sich mit MiFID2 nicht geändert. Die verstärkten Regulierungsmaßnahmen legen noch mehr Gewicht auf Verbraucherschutz. Ob dies in der Praxis immer auch gelingt, bleibt weiter abzuwarten. In der Zwischenzeit haben die Banken und Berater einen Vorteil, die der Gesetzgebung bereits de facto vorgegriffen, soll heißen schon immer auf Transparenz und Qualität gesetzt haben. Darüber hinaus bietet sich für Banken durch MiFID2 die Chance, Prozesse weitgehend zu vereinfachen und zu digitalisieren, was sich wiederum in einem besseren Service für die Kunden widerspiegeln kann.



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